DALIKO
eins
http://www.galerie-daliko.com/dalia-blauensteiner.html

© 2018 DALIKO
Galerie

Seit 2012 zeigt die Galerie DALIKO in Krems ein facettenreiches Programm von namhaften zeitgenössichen KünstlerInnen. Der Erfolg und das große Interesse an Kunstprojekten lieferten den Anstoß, 2016 den Verein DALIKO - österreichische Galerie und Projektwerkstatt für zeitgenössische Kunst und internationalen künstlerischen Dialog zu gründen.

Der Verein lädt etablierte heimische und internationale KünstlerInnen ein, ihre Arbeiten in der Galerie auszustellen und vermittelt vor allem KünstlerInnen aus Niederösterreich Ausstellungsangebote in ausgewählten Ländern. Darüber hinaus initiiert und kuratiert der Verein länderübergreifende Projekte und führt Workshops, Seminare, Kurzfestivals und Symposien durch.

eins

Dalia Blauensteiner – eins

Bücher haben ihre Schicksale, habent sua fata libelli – dieses geflügelte Wort stammt aus der unvollständig überlieferten Schrift De litteris, syllabis, pedibus et metris, welche der Grammatiker und Theoretiker Terentianus Maurus (zwischen 150 und 350 nach Christus) verfasste. 1888 wurde das Zitat zum Wahlspruch des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – und ist seither noch mehr Personen geläufig. Die erste Hälfte des Verses 1286 aus dem lateinischen Lehrwerk ist weniger bekannt, doch gewährt eben diese Aufschluss darüber, wovon ein Buchschicksal abhängig ist: pro captu lectorisvon der Auffassung(sgabe) des Lesers/der Leserin.

Diese Abhängigkeit vom Deutungsvermögen und Wissenshorizont der Person, die das Buch studiert, gilt nicht nur für die Interpretation von Druckwerken, sondern auch für die Dechiffrierung der Natur. Der Theologe Augustinus (354–430) war einer der ersten, der in dem zwölfteiligen Traktat De genesi ad litteram (393/394) vom Buch der Schöpfung sprach, von der belebten und unbelebten Natur, die sich bei aufmerksamem Studium als Beweis für die Existenz Gottes lesen lässt.

Gedruckte Bücher sind genauso wie das Buch der Natur eine wichtige Inspirationsquelle für die in Litauen geborene Künstlerin Dalia Blauensteiner, die seit 2003 in Krems lebt und arbeitet. Ihre Ausbildung im Bereich bildende Kunst aber auch in Kunstvermittlung erhielt sie an der Kunstfakultät der Šiauliai-Universität in Nordlitauen. Ihre Werke wurden in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen in Österreich sowie in diversen europäischen Ländern und den USA gezeigt. In Krems stellt Dalia Blauensteiner regelmäßig mit dem Verein raumgreifend aus. eins ist ihre erste Einzelausstellung in ihrer Galerie – der Galerie Daliko –  und vereint Arbeiten aus den Jahren 2017 und 2018.

Dalia Blauensteiners Gemälde, Grafiken und Installationen legen beredtes Zeugnis von ihrer künstlerisch-technischen Versiertheit ab, die es der Malerin z.B. erlauben, in ihren abstrakten Ölgemälden die Illusion von Bewegung zu erzeugen. Ein Beispiel hierfür ist der Zyklus Reise (2018), den die Künstlerin als Repräsentantin des Vereins raumgreifend erstmals im Rahmen der Gruppenausstellung schwarz_weiß aber auch grau im NÖ DOK – dem Niederösterreichischen Dokumentationszentrum für moderne Kunst – in St. Pölten zeigte. Die vier Gemälde, die nun Bestandteil der Einzelausstellung eins sind, ähneln verwischten Landschaften, wie man sie aus dem Fenster eines schnell fahrenden Zuges oder Autos aus dem Augenwinkel vorbeifliegen sieht. Flaniert man an ihnen vorbei, verstärkt sich dieser Effekt noch. Von der nahezu altmeisterlichen Beherrschung ihres Metiers zeugt auch ein Portrait Blauensteiners, bei der die Leinwand so bearbeitet ist, dass die Trägerfläche zum gespenstisch schimmernden Inkarnat der kauernden Figur wird (Trauer, 2010).

Bei aller formalen Expertise geht es in Blauensteiners Werken aber in erster Linie um die Inhalte, um die Erkenntnisse, die die Künstlerin aus der Auseinandersetzung mit Texten und aus dem Studium der Natur gewinnt. Auch der menschlichen Natur.

Viele ihrer Arbeiten sind gesellschaftskritisch und thematisieren den unverantwortlichen und kurzsichtigen Umgang der Menschheit mit der Natur. Exemplarisch hierfür stehen die Installation Muster der gesellschaftlichen Figurationen und der Zyklus Ausbeutung (2017/2018), der fünf Gemälde mit unterschiedlichen Abstraktionsgraden und von variierender Subtilität vereint. So entpuppt sich das zunächst tänzerisch anmutende Liniengeflecht Ausbeutung V (Meer) erst auf den zweiten Blick als schwimmender Plastikteppich und erinnert hierin an Vexierbilder, also Kunstwerke mit nicht sofort offenkundigen Botschaften, wie sie bereits im Mittelalter angefertigt wurden, um Gesellschaftskritik zu üben.

Die Auffassungsgabe der Betrachtenden ist auch bei dem Zyklus Atem (2018) gefordert, drei Acrylgemälden, die polsterartige Gebilde mit vegetabilen Strukturen zeigen. Die Gräser und Blätter finden hier keine schützende Blase, in der sie wachsen und gedeihen können, vielmehr werden sie in der Versiegelung erstickt, da sie keine Luft zum Atmen haben. Das Buch der Natur kündet heute weniger von der Schöpfung als vielmehr vom rücksichtslosen Umgang der Menschen mit ihr. Bei empathischer Auseinandersetzung rauben die Bilder auch den Betrachtenden den Atem.

Eines der Lieblingsbücher von Dalia Blauensteiner ist EinsSein (1990, derzeit vergriffen) von Richard Bach, das erstmals 1988 unter dem Titel One in New York erschien. Das Buch hatte einen starken Einfluss auf die Künstlerin, weswegen sie ihre Einzelausstellung nach ihm benannte. Es schildert eine Reise, an deren Ende die Erkenntnis steht, daß wir alle eins sind – mit unserer Vergangenheit und Zukunft, mit dieser Welt und all ihren Menschen, mit möglichen anderen Welten, daß unser momentanes Leben nur eine Möglichkeit von unzählig vielen ist (Klappentext) und inspirierte Dalia Blauensteiner zu dem Gemälde Das Gesetz (2018), dessen Reproduktion auch das Ausstellungsplakat ziert. Für die Künstlerin sind letztlich Liebe und Gerechtigkeit das Gesetz, das uns alle verbindet – auch wenn dies nicht von allen verstanden oder gar befolgt wird.

Nicht nur Bücher, sondern auch Bilder haben ihre Schicksale. Nur zum Teil liegen diese in der Hand der Kunstschaffenden. Auch diejenigen, die die Bilder studieren und sie interpretieren haben Anteil daran – sie gehören zusammen und bilden ein mal harmonisches, mal widersprüchliches immer aber lebendiges Ganzes.

Barbara M. Eggert